Forschung

Auf dieser Seite finden Sie die aktuellen Forschungsschwerpunkte von Prof. Dr. Jean-Christophe Merle und seinen Mitarbeitern.


Prof. Dr. Jean-Christophe Merle

Menschenrechte

Die heutige philosophische Debatte über Menschenrechte widmet sich vor allem deren Begründung, weniger der Begriffsanalyse und kaum der inhaltlichen Vielfalt der Menschenrechte, obgleich sie durchaus mehrere Generationen von Menschenrechten sowie die interne Vielfalt jeder Generation kennt. Man versucht die Menschenrechte auf unterschiedliche Weisen zu rechtfertigen bzw. zu begründen (transzendental aus den Bedingungen des Handelnden, aus den Grundbedürfnissen, aus der Freiheit, aus der Friedensförderung, aus der Demokratie, diskursethisch, aus der institutionellen und globalen Verantwortung usw.). Jede dieser Begründungen ist auf Einwände gegen die anderen Begründungen und auf deren Schwächen fokussiert, und bedient sich gerne der für die anderen Theorien harten Fälle. Dadurch unterminieren sich diese Begründungen gegenseitig; gerade um die Menschenrechte gegen radikal relativistische Einwände zu sichern, ist deshalb eine differenziertere Betrachtung nötig. Dieses Projekt will die Hypothese erforschen, dass alle Menschenrechte nur einen Kernbereich von Eigenschaften teilen (Vorrang vor anderen Rechten sowie vor Gerechtigkeitsansprüchen, Universalität, relative Abstraktheit, Zugehörigkeit zu den moralischen Rechten usw.); ansonsten schützen sie weder alle dieselben Rechtsgüter noch teilen sie alle dieselbe Begründung. Es soll untersucht werden, in welche Gruppen von Rechtsgütern sich die einzelnen Menschenrechte einordnen lassen und wie diese Gruppen jeweils zu begründen sind. Dabei werden alle oder zumindest die meisten geläufigen Begründungen der Menschenrechte herangezogen, deren jeweiliger Anspruch auf Exklusivität jedoch abgelehnt. Das Projekt könnte daher auch zur Erklärung der Frage beitragen, warum – anders als oft angenommen – Menschenrechte nicht durchweg absolut gelten und es zwischen ihnen durchaus Prioritätsregeln gibt. Die Gültigkeit der Ergebnisse wird sich daran messen lassen, wie sie unser differenziertes Verständnis der einzelnen Menschenrechte rekonstruieren und ggf. konsistenter machen können.

 Human Rights

The current philosophical debate about human rights mainly focuses on their foundation or justification, much more than on the analysis of their concept. It almost fails to explore the diverse content of human rights, although of course it is aware of the existence of several generations of human rights and the diversity of the content of each of them. There are several attempts to justify or found human rights (a transcendental one, on the basis of the conditions for agency, one referring to basic needs, one relying on freedom, one derived from the promotion of peace, one derived from the conditions for democracy, one grounded on global responsibilities of institutions, etc.) Each of these foundations focuses on objections against other foundations, trying to show their weaknesses, and each of these foundations likes to use the cases that are hard cases for the other theories. In so doing, these foundations undermine one another. Therefore, in order to protect human rights against radically relativist objections, a differentiated look at this issue is needed. This project investigates the hypothesis according to which all human beings share only a core area of formal properties (priority over other rights as well as over claims of justice, universal validity, relative abstraction, belonging to the group of moral rights, etc.), but that they otherwise neither protect the same legal interests nor share the same justification. This project asks two main questions: in which group(s) of legal interests is each single human right to be classified and how should each of these groups be grounded. For this purpose, all – or at least the most familiar – foundations of human rights will be examined, but the claim for exclusive validity raised by each of them will have to be rejected. Thus, this project might contribute to explaining the reason why – only what one frequently assumes – human rights are not absolutely valid, such that there are priority rules among them. The validity of the results of this research can then be evaluated according to the criterion, whether they make it possible to reconstruct our differentiated conception of various human rights.

– Informationen zum DAAD-Projekt PROBRAL finden Sie hier.

– Inforamationen zum Special Workshop „Human and Fundamental Rights: a Complex Argumentation of Legal Philosophy“ beim XXVII World Congress of the International Association for the Philosophy of Law and Social Philosophy (IVR) in Washington, D.C. finden Sie hier.

 Das Böse

Das Böse ist ein traditionelles Thema der Philosophie, das zwar nicht in Vergessenheit geraten ist, aber gleichwohl heute weitgehend gemieden wird. Ausgangspunkt dieses Projekts ist die Vermutung, dass die vornehmliche und allzu oft exklusive Fokussierung auf den Ursprung des Bösen die philosophische Behandlung des Bösen in die Sackgasse führt, zumal dieser Ursprung im Singular verstanden wird. Als böse kann dabei vielerlei bezeichnet werden: physische Übel, Übeltaten, Meinungen, Wünsche, Absichten, systemische Phänomene usw. Diese verschiedenen Arten des Bösen könnten durchaus verschiedene Ursprünge haben. Außerdem haben verschiedene Denker und philosophische Strömungen schon lange die Möglichkeit eines – völligen oder partiellen – Verschwindens des Bösen bzw. dessen Prävention – im Gegensatz zur ständigen Bekämpfung des Bösen und seiner Versuchungen – behauptet und konzipiert: das höchste Gut, Kants Reich der Zwecke, Utopien, Altruismus und Mitleid, allgemeine Freundschaft für die Menschheit, aufklärerischer Fortschritt der Vernunft und Herrschaft über die Natur, Modelle sozialer Koordination gegen das Risiko, die Panikphänomene usw. Jede dieser Diagnosen über den Ursprung des Bösen und jeder dieser Lösungsvorschläge weist entscheidende Schwächen auf. Ein komplexes Modell wäre sowohl für die Erklärung der Entstehung des Bösen als auch für die Prävention des Bösen unter Berücksichtigung der Vielfalt seiner Arten und kulturellen Verständnisse fruchtbarer. Ein solches Modell auszuarbeiten sowie typische Schritte zur Prävention des Bösen – im Gegensatz zu vollumfänglichen Lösungen – zu konzipieren, und dadurch dieses klassische Thema für die aktuellen Debatten der Sozialphilosophie und Geisteswissenschaften verständlicher und anschlussfähiger zu machen, ist Gegenstand dieses Projekts.

Evil

Evil is a traditional topic in philosophy, which, after a period of relative oblivion, has recently regained attention. Yet, the current approach to this topic is one-sided in two regards. It focuses primarily, and often exclusively, on the origin of evil, and, more precisely, it focuses on a single origin of the evil, for instance, in the radical freedom of the human beings. Yet, evil is of diverse kinds: It may be physical evil, misdeed, malicious thought or gossip, malicious wishes, evil intention, systemic evil, etc. These various kinds of evil may have different origins. Besides this, for a long time, various thinkers and philosophical traditions have asserted and conceived of the possibility of a (complete or partial) disappearance of evil or the possibility of a complete prevention of evil, instead of a mere permanent struggle against evil and temptations: the highest good, Kant’s kingdom of ends, utopias, altruism or compassion, universal friendship towards humankind, progress of the Enlightenment, domination over natural evils, models of social coordination against risks and such phenomena as collective panics, etc. Each kind of diagnosis about the origin of evil and each solution to the problem that has been offered so far contains crucial weaknesses. Therefore, a complex model seems more fruitful for explaining the emergence of evil as well as for conceiving the prevention of evil, bearing in mind the diversity of the kinds of evil and the diversity of the ways in which it is conceived (which also pertains to the cultural diversity of the conception of evil and of its solution.) This project intends to provide such a complex model as well as to conceive of typical steps for the prevention of evil – even those that do not lead to its full extinction – and thereby make this classical topic more understandable and fruitful for current debates in social philosophy and human sciences.


Marcel Warmt

Dissertation mit dem Arbeitstitel Nähe und Distanz als Kriterium moralischer Pflichten
Grundsätzlich geht es im Dissertationsprojekt Nähe und Distanz als Kriterium moralischer Pflichten um die Weiterentwicklung eines Modells moralischer Pflichten aus einer unparteiisch-konsequentialistischen Perspektive. Dabei gehe ich davon aus, dass die Reichweite der Pflichten grenzenlos ist, diese sich jedoch hinsichtlich der Stärke unterscheiden.
Im Hintergrund steht die Frage, welchen Einfluss Nähe und Distanz auf unsere moralischen Pflichten haben. Dabei können Aspekte von Nähe und Distanz auf vier Ebenen untersucht werden:

1. Der räumlichen Ebene von Nähe und Distanz
2. Der zeitlichen Ebene von Nähe und Distanz
3. Der politisch-institutionellen Ebene von Nähe und Distanz
4. Der sozialen Ebene von Nähe und Distanz

Insbesondere die Gewichtung bei einem Pflichtenkonflikt ist ein Forschungsdesiderat. Dieser Pflichtenkonflikt tritt vor allem zwischen besonderen Pflichten gegenüber sozial nahestehenden Menschen und allgemeinen Hilfspflichten gegenüber sozial fernstehenden Menschen in absoluter Armut auf. Um die Weite und Tiefe positiver Pflichten innerhalb einer unparteiisch-konsequentialistischen Moral angemessener zu verstehen, widmet sich das Dissertationsprojekt daher vorrangig der sozialen Nähe und Distanz.
Die Forschungsarbeit wird an drei Leitfragen ausgerichtet:

1. Nach welchen Regeln ist der Raum moralischer Verpflichtungen hinsichtlich sozialer Nähe und Distanz strukturiert?
2. Welche speziellen Pflichten bestehen gegenüber den Personen im moralisch strukturierten Raum und wie sind diese Pflichten untereinander zu gewichten?
3. Welchen Verpflichtungscharakter haben die einzelnen Pflichten für den individuell handelnden Akteur?

Das Dissertationsprojekt zielt letztlich darauf ab, das Modell des moralisch strukturierten Raumes zu präzisieren, die durch soziale Nähe ausgelösten Pflichten zu identifizieren, zu gewichten und deren Charakter zu bestimmen. Dazu wird die Debatte, in der das Modell verteidigt und kritisiert wird, argumentationsanalytisch bewertet und die einzelnen Argumente für Parteilichkeit innerhalb einer unparteiisch-konsequentialistischen Moral auf ihren Rechtfertigungsgehalt hin untersuchen.

Advertisements